Fast 20 Fragen zur Entstehung von "ES GEHT AUCH OHNE EHRGEIZ – WILLKOMMEN IM CAFÉ CYCLISTE"
1. "Es geht auch ohne Ehrgeiz" – Dein Titel klingt nach Gelassenheit, fast nach Verweigerung. Beim Lesen spürt man jedoch eine hohe innere Präzision. Was genau lehnst du ab und worauf zielst du stattdessen mit aller Konsequenz?
Was ich ablehne, ist dieses Mindset, alles, was einem begegnet, erstmal als Wettbewerb zu interpretieren. Es liegt ja in der Natur des Wettbewerbs, Gewinner und Verlierer zu produzieren. Von den Gewinnern wenige, und von den Verlierern eine Menge. Oder anders gesagt: Überfluss für wenige, Mangel für die meisten... oder zumindest das Gefühl von Mangel. Wenn also der Ehrgeiz der Antrieb ist, im Wettbewerb oder Kampf gegen alle anderen der oder die beste sein zu wollen, dann lehne ich ihn ab. Wir wissen ja alle, wie es um die Stimmung in einer Gesellschaft bestellt ist, die sich vor allem als kompetitiv begreift: nicht gut, zumindest im größten Teil. Ich würde lieber in einer altruistischen Gesellschaft leben, deren Grundprinzip das der Kooperation ist, und in der nicht die schnellsten oder stärksten oder in den reichsten Familien geborenen uns ihren reduktionistischen Blick auf die Welt überhelfen, sondern in einer, die den Langsamen, Schwächeren und denjenigen, die das Pech haben, in einer armen Familie aufzupoppen, die gleiche Wertschätzung entgegenbringt. Also in einer Welt, in der wir alle mit Hundertwasser sagen könnten (ich paraphrasiere): "Ich bin ein König. Ich habe mich selbst gekrönt. Ich bin reich. Der Reichtum fließt mir hinterher. Es ist traurig, dass nicht jeder ein reicher König ist. Man braucht sich nur eine Krone aufzusetzen und den Reichtum wahrzunehmen. Jedoch ist man zu feige. Mir wäre lieber, in einem Tal mit reichen Königen zu leben, statt in einem Jammertal. Dann könnte ich andere, reiche Könige treffen."
2. M. Stricker lebt im Schatten eines übergroßen Vaters. Wie konstruiert man eine solche Figur, ohne sie zur bloßen psychologischen Erklärung zu degradieren? War dir wichtiger, den Mythos zu zeigen oder seine Erosion?
Ich glaube, man braucht Mitgefühl mit seiner Figur. Der Pepe Stricker, der Vater, ist ja auch ein Produkt seiner Umstände und seiner Zeit. Als alleinerziehender Vater hatte er es sicher auch nicht einfach, nachdem seine Frau mit dem Tangolehrer (oder war es der Flamencolehrer? Müsste ich nachschauen) durchgebrannt war. Das entbindet ihn zwar nicht seiner Verantwortung, denn sicher hätte es geholfen, zumindest das mit dem Alkohol sein zu lassen. Aber gleichzeitig wissen wir ja alle, wie schwierig es ist, sich selbst zu ändern.
Über die mythische Dimension habe ich, ehrlich gesagt, aktiv nicht nachgedacht. Wenn ich das mache, lande ich ja irgendwann bei den ganzen schrecklichen Kafka-Interpretationen und möchte direkt alle Väter aus allen Geschichten streichen, am besten für immer.
Erodieren tut ja zum Glück alles ganz von selbst, man braucht nur etwas Geduld.
3. Der Vater ist tot und dennoch allgegenwärtig. Ist Erinnerung in deinem Buch eher Antrieb oder Sabotage? Und wie entscheidet man erzählerisch, wann Vergangenheit Gewicht haben darf und wann sie losgelassen werden muss?
M. Stricker, der Sohn, ist einer, der mit seinem schnell rotierenden Hirn sehr wenig Kontrolle über das Auftauchen seiner gerne mal anstrengenden Erinnerungen hat. Er ist ihnen also ausgeliefert, und insofern lähmen sie ihn eher. Das ist der Sabotage-Teil. Gleichzeitig gibt es aber auch die tiefe Sehnsucht nach Harmonie, eine aktive Suche nach schönen Erinnerungen. Sonst würde M. ja nicht auf die Idee kommen, ein Café zu eröffnen, das die Radfahrerkarriere seines Vaters zum Thema hat. Wobei mir gerade einfällt, dass das gar nicht seine Idee ist.
4. Dein kleines rotes Unterweltwesen unterläuft jede realistische Lesart. Ist es literarischer Trick, komische Entlastung oder eine Form radikaler Ehrlichkeit gegenüber inneren Zuständen, die sich anders nicht darstellen lassen?
Genau, das mit dem Café ist die Idee dieses seltsamen Wesens, das plötzlich auftaucht, als M. in der Badewanne sitzt. Das Wesen hat irgendwas mit den Ahnen zu tun, und es ist ein Stück weit von den Gestalten inspiriert, die irgendwann in den schamanischen Träumen eines indigenen Volkes der Nordpolarregion gelebt haben. Ich meine, ich hätte in meiner Kindheit irgendeine ähnliche Bilddarstellung gesehen, in einem Ausstellungskatalog. Vielleicht war es auch kein Katalog, sondern eine Ausstellung in einem Museum, jedenfalls erinnere ich mich nicht genau... 30 bis 40 Jahre haben ja manchmal diesen nachteiligen Effekt auf das Gedächtnis. Vielleicht täusche ich mich auch komplett, was die Herkunft anbelangt, aber falls nicht, dann an dieser Stelle: vielen Dank für die Inspiration, liebe Schaman*innen. Das rote Wesen ist jedenfalls auch in meiner Erzählung sehr früh und vollkommen unvermittelt aufgetaucht, als ich den Prolog schrieb (der ursprünglich eine abgeschlossene Kurzgeschichte war), und zwar, als ich in der Badewanne lag und über den Plot nachdachte. Ich war ganz froh darüber, auf diesen seltsamen Kerl zu treffen. Der hat natürlich einen ziemlich guten Blick für alle Selbsttäuschungsversuche, die M. unternimmt, und das sind ja einige. Ich mag das Wesen jedenfalls ziemlich gerne, und mir gefällt auch seine Weigerung, seinen richtigen Namen zu verraten; es behauptet bis heute, es hieße "seltsames rotes Wesen aus der Unterwelt", aber ich glaube, das ist eine Lüge.
5. Du erzählst von depressiven Verstimmungen und zugleich von Komik. Wie kalibriert man diesen Ton, ohne ins Sentimentale oder Zynische zu kippen? Gab es Stellen, an denen du bewusst einen Schritt zurückgegangen bist?
Ich versuche schon mein ganzes Leben lang, diesen Ton zu kalibrieren. Manchmal klappt es, manchmal nicht. Ansonsten ist das vielleicht einer der wenigen Vorteile, die man als Betroffener von psychischen Defekten hat – man weiss, wovon man spricht. Zum Glück wird jede Depression ja irgendwann mal schwächer, und dann hat man, denke ich, irgendwann die Chance und das Recht, zu entscheiden, ob man sich eine Identität als Kranker zulegen will und weiterhin unter der Rubrik "Drama" unterwegs sein will, oder ob man nicht mit dem Komödien-Label besser bedient ist. Bis die Depression wieder zuschlägt.
6. Radfahren erscheint bei dir weniger als Sport denn als Denkbewegung. Welche erzählerische Funktion hat körperliche Anstrengung in einer Geschichte, die im Kern um Selbstbilder kreist?
M. Stricker nimmt die Anstrengung seiner Reise auf sich, weil er die Notwendigkeit, sich zu bewegen, sowohl äußerlich als auch innerlich, erkennt. Als er aufbricht, hat er noch so etwas wie ein "inneres Publikum" – er will Bilder von unterwegs posten, die andere sehen sollen, träumt vielleicht davon, irgendwann einen Vortrag über seine Reise zu halten, dann natürlich als fitte, schlanke, wettergegerbte Version seiner selbst. Mit dem kaputten Smartphone verliert er auf einen Schlag dieses Publikum – er fühlt sich plötzlich zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wirklich auf sich gestellt. Das stürzt ihn in eine Krise, die er aber überwinden kann, weil er ein paar echten, analogen Menschen begegnet und begreift, dass die Einsamkeit, die ihn vorher gequält hat, etwas grundsätzlich anderes ist als das Alleinsein. Er bekommt eine Idee davon, was Freiheit bedeuten könnte: für den Rest der Reise muss er nichts darstellen, er kann einfach nur da sein. Ohne Zelt, Stirnlampe, Publikum, Vergangenheit und Zukunft. Für ein paar Tage hat er einen Blick von außen auf den Identitätsknast, in dem er sonst seine Zeit verbringt – und um diesen Zustand zu erreichen, ist eine Anstrengung nötig, für die man keinen Ehrgeiz braucht, weil man dabei mit niemandem konkurrieren muss.
7. Formal löst du klassische Panelgrenzen immer wieder auf. Wie viel davon ist Intuition, wie viel Konstruktion? Denkst du deine Seiten eher wie ein Regisseur in Sequenzen oder wie ein Autor in Absätzen?
Weil es früh feststand, dass es bei dieser Story immer die innere Stimme des Erzählers geben würde, habe ich von Anfang an beschlossen, hier ohne klassische Panels zu arbeiten. Ich denke in Bildern und Worten, und ich habe das Gefühl, dass sich manche Dinge besser in einem Text erzählen lassen, andere in Bildern. Ich wollte keine Seiten voller "Talking Heads" und Redundanzen, weil ich's schrecklich finde, wenn man als Zeichner eine Woche an irgendeiner Seite sitzt, die gerade mal Information für 15 Sekunden enthält. Dieser Idee folgend habe ich immer versucht, alles so zu montieren, dass von Seite zu Seite ein guter Rhythmus bzw. Fluss entsteht. Mal bildet der Text den Kontrapunkt zum Bild, mal umgekehrt. So denke ich das ungefähr. Und neu ist diese Art des Erzählens ja auch nicht... ich erinnere mich, dass mir meine Großmutter in den 80ern ein Buch von Olaf Gulbransson schenkte ("Es war einmal"), das ist, glaube ich, 1934 rausgekommen, und da wechseln sich Bild und Text auch immer ab. Ich habe diese Form am Ende nur um Sprechblasen ergänzt.
Angefangen habe ich mit einem Skript, durch das ich mich von vorne nach hinten durchbewegt habe, Beat für Beat. Oft haben die Figuren, sobald sie als Vorzeichnung auf dem Papier standen, ein Eigenleben entwickelt und spontan etwas anderes gesagt, als ich ihnen ins Textbuch geschrieben hatte, und das hatte dann natürlich wiederum Auswirkungen auf alles Folgende. Also habe ich nach und nach immer wieder alles angepasst und umgeschrieben, bis ich irgendwann durch war. Es war ein bißchen wie eine sehr, sehr langwierige Theaterarbeit. Da muss man ja auch auf den Prozess vertrauen können, damit das Ganze lebendig wird. Aber um auf die Frage zu antworten: intuitive Konstruktion.
8. Das Buch arbeitet visuell mit Schwarz-Weiß, setzt aber das Rot sehr bewusst als Akzent ein. Was gewinnt die Geschichte durch diese Reduktion und diese punktuelle Hervorhebung? Und was würde verloren gehen, wenn Farbe durchgängig ins Spiel käme?
Interessanterweise findet man den roten Akzent ja nur in der Vorschau online und auf dem Cover des Buches – in den Printexemplaren ist alles schwarz-weiss, und der rote Akzent ist in Wirklichkeit ein hellgrauer. Was daran liegt, dass das Buch sonst unanständig teuer sein müsste. In einer idealen Welt wäre er aber rot, stimmt, und ich verstehe ihn wie das Aufblinken einer Warnlampe, denn der rote Akzent kommt ja immer dann, wenn das seltsame rote Wesen aus der Unterwelt eine schmerzhaft ehrliche Unverschämtheit äußert. Für schwarz-weiss habe ich mich entscheiden, weil ich's mag und mich damit zeichnerisch wohlfühle. Und weil ich ja auch wusste, dass ich eine ganz schöne Distanz würde gehen müssen, die sich, hätte ich noch über Farbe nachdenken müssen, nochmal gefühlt um ein paar hundert Kilometer verlängert hätte. Und dann hätte ich es möglicherweise nicht bis zum Ziel geschafft.
9. Der Selbstverlag bedeutet maximale Freiheit und gleichzeitig enormes Risiko. Hat diese Entscheidung deinen inneren Maßstab verschärft oder dich entlastet? Erzählt man anders, wenn niemand dazwischenredet?
Sagen wir so: natürlich hätte ich mich über eine Zusammenarbeit gefreut. Darum habe ich in einer frühen Phase durchaus einige Verlage kontaktiert. Aber es hat nirgendwo gepasst, mal programmtechnisch, mal menschlich. Mehrfach wurde bei Comicverlagen sofort das Fehlen von Panels als Ausschlusskriterium benannt ("das ist ja kein Comic"), bei Nicht-Comic-Verlagen wurden Sprechblasen moniert ("das ist ja ein Comic"). Andere konnten mit der Geschichte nichts anfangen (fair enough) oder hatten keine Idee, wem Sie das Buch verkaufen sollten (hm, na gut). Andere haben gar nicht reagiert. Irgendwo gab es vorsichtiges Interesse, aber so geringe finanzielle Aussichten, dass ich mich dann für den Selbstverlag entschieden habe. Glücklicherweise ist zumindest das finanzielle Risiko bei Print on Demand ja inzwischen überschaubar, und das fertige Produkt kann mein perfektionistischen Anteile zumindest zu 90 Prozent befriedigen (bis auf die Sache mit dem roten Akzent.) Ich bin also nicht in die Verlegenheit gekommen, meine erzählerische Integrität gefährdet zu sehen; regelmäßiges Feedback und dramaturgische Beratung habe ich mir bei Freundinnen und Freunden aus dem Theater- und Filmbereich geholt. Ein paar andere Freunde haben mir zur Buchvorstellung eine Ausstellung in Leipzig ermöglicht, die super besucht war. Später habe ich das Buch in Berlin auf der Fahrradmesse präsentiert, dadurch ist eine Empfehlung im Mitgliedermagazin des ADFC gelandet. Dann kam der ICOM-Preis, Lesungen in Leipzig und in Bern, anschließend ein Bericht im Leipziger Stadtmagazin "kreuzer". Dafür, dass ich selber marketingmäßig eher unerfahren bin, ist also alles bisher ganz gut gelaufen – wie ich von ein paar Freunden weiss, die ihre Bücher bei Verlagen untergebracht haben, auch finanziell. Reich bin ich natürlich nicht geworden, aber eine schicke Mütze und ein paar Pfund Kaffee konnte ich mir immerhin kaufen. Der Illusion, man könne in Deutschland allein vom Comiczeichnen gut leben, muss man sich eh nicht hingeben.
10. Die Resonanz reicht von „Wohlfühlbuch“ bis zur Würdigung als formal eigenwilliges Werk. Trifft dich das Etikett der Harmlosigkeit oder ist gerade die leise Beharrlichkeit dein subversiver Kern?
In dem Lied "Tanz" von Stefan Stoppok gibt es ein paar schöne Zeilen, die in meinem Kopf geblieben sind, seit ich es vor vielen Jahren das erste Mal gehört habe:
(...) "Erzähl was von dir was dich wirklich berührt
Und dem der dir zuhört nicht die Kehle zuschnürt
Denn wenn um dich rum alles erstickt
Kriegst du auch keine Luft mehr" (...)
Das ist doch eine gute Maxime, oder? In einer Welt, in der alle pausenlos den emotionalen Ausnahmezustand zelebrieren, kann ich mit dem Prädikat "harmlos" ziemlich gut leben. Auch gegen das Wohlfühlen habe ich nichts, das ist ja ein Zustand, den viele von uns auch nur noch sehr selten erleben. Was ja irgendwie auch kein Wunder ist: Auf allen Kanälen läuft Nonstop eine Reality-Daily-Soap mit ein paar bizarr hirnkranken Präsidenten, Sonntags sind wir alle an einem Tatort verabredet. Bis dahin ziehen wir uns ein paar Folgen True Crime und/oder ein kleines achtteiliges Mittelalter-Gemetzel auf Netflix rein, spielen eine Runde GTA, lesen ein bißchen Dark Romance, gucken eine Doku über das Artensterben, hören einen Podcast zum Thema Magenkrebs; dann checken wir die Wetter-App (das ist die, die unsere Daten verkauft, haben wir gerade in den Nachrichten gelernt): apokalyptische Aussichten. Komisch, irgendwie sind wir gestresst. Beim nächsten Termin bitten wir den Psychiater, die Tabletten ein bißchen höher zu dosieren.
Was ich sagen will: für mich sind Geschichten nichts anderes als eine Form der Nahrung. Und so, wie ich das sehe, haben wir gerade jeden Tag einen riesigen Haufen fettes Junk-Food mit allen erdenklichen Geschmacksverstärkern auf dem Teller. Wenn es subversiv ist, da mal was Selbstgekochtes reinzuschmuggeln, dann finde ich das zwar irgendwie traurig, aber mache es gerne, weil ich überzeugt bin, dass wir als Geschichtenerzählerinnen und Geschichtenerzähler, egal, welches Medium wir nutzen, eine viel größere Verantwortung am Zustand der Welt tragen, als wir glauben. "Café Cycliste" ist explizit als Gegenentwurf zu dem ganzen vorher genannten, anstrengenden Zeug, das uns täglich angeboten wird, entstanden. Das lag daran, dass ich, kurz vor Corona, sehr krank geworden bin und dann ein paar Monate in einer Klinik verbracht habe, wo ich mich vor allem an den Gedanken gewöhnen durfte, dass mein bisheriges Leben, in dem ich jede Menge Dinge für selbstverständlich gehalten habe, vorbei war. Irgendwann hatte ich dann Lust, ein Buch zu lesen, aber in meinem Zustand habe ich keinen "Todeskrampf – lebendig begraben in Sachsen"- Krimi ertragen, keinen dystopischen Fantasy-Thriller, keinen weichgespülten spirituellen Ratgeber, keine preisgekrönte Problemliteratur. Ich wollte kein Sachbuch über tote Bienen oder rechte Netzwerke, aber auch nichts, was in der Upperclass in Südengland spielt, abgesehen vom Blick aufs Meer. Ich wollte etwas, das auf gute Weise unterhält und Lust auf's (Weiter-) Leben macht, ohne dabei eine intellektuelle Beleidigung zu sein. Ich weiss noch, wie ich damals in einer riesigen Buchhandlung stand und am Ende sehr, sehr wenige Titel übrig blieben, die meinen Kriterien ungefähr entsprachen. Deshalb habe ich beschlossen, selber so ein Buch zu machen. Und tendenziell scheint es bei Menschen, die schon kapiert haben, dass das Ganze hier eine fragile Angelegenheit ist, besser anzukommen, als bei solchen, die noch glauben, es wären immer nur die anderen, die es aus der Kurve haut.
11. Der ICOM-Preis adelt dein unabhängiges Arbeiten. Verändert Anerkennung den Blick auf das eigene Werk? Hat der ICOM-Preis deinen inneren Kompass verschoben? Spürst du so etwas wie Erwartungsdruck – von außen oder von dir selbst –, jetzt „nachlegen“ zu müssen?
Es hat mich total überrascht, den Preis zu bekommen, und ich habe mich darüber und die damit verbundene Anerkennung sehr gefreut. Das hat bei mir den Druck eher rausgenommen – weil mich das Echo darin bestätigt hat, dass ich mit meiner Wahrnehmung nicht alleine dastehe. Was das "Nachlegen" anbelangt – ich habe nicht das Gefühl, dass ich das wirklich erzwingen kann. Es gibt ein paar Themen, und ich versuche, bereit zu sein, wenn eines soweit ist, dass es Form annehmen will.
12. Wenn „ohne Ehrgeiz“ eine Haltung ist: Was würdest du heute anders erzählen und wo würdest du kompromisslos bleiben, selbst wenn der Markt etwas anderes verlangt?
Mir fällt spontan nichts ein … das liegt wahrscheinlich an meinem Desinteresse am Markt. Das ist leider eine Default-Einstellung. Ich habe schon öfter versucht, sie zu ändern, hat aber nicht geklappt. Um den Markt müssen sich andere kümmern. Ich weiss nur soviel: wenn der alleine bestimmt, was an Kunst Realität wird und was nicht, dann habe wir eh verloren.
13. Nach einem so persönlichen und formal eigenwilligen Buch stellt sich zwangsläufig die Frage: Bleibst du im Kosmos des Café Cycliste oder reizt dich gerade jetzt ein radikaler Bruch mit Thema und Ton?
Ich hätte sicher Spaß daran, zu schauen, wie es mit den Figuren weitergeht. Wobei ich, wenn ich so darüber nachdenke, auch im Café-Cycliste-Kosmos dunkle Wolken aufziehen sehe... bekommen sie Kinder? Oder bekommen sie keine Kinder, obwohl sie gerne welche hätten? Kann die erste Verliebtheit dem Caféalltag standhalten, und wenn ja, wie lange? War das Ganze nur ein Missverständnis? Hm... ich entscheide mich für Antwort b): Bruch mit Thema und Ton. Da ich parallel auch in der freien Kunst tätig bin und sowieso immer an meinen Bildern arbeite, habe ich zum Glück etwas vor, bis der Markt sich meldet. Dann denke ich nochmal drüber nach.
14. Du arbeitest seit Jahrzehnten im Storyboard- und Filmbereich. Wie verändert diese Brotarbeit deinen Blick auf dein eigenes Erzählen? Ist sie Schule, Kontrastprogramm oder manchmal auch kreativer Widerstand?
Man kann auf jeden Fall den Begriff "Storytelling" nicht mehr ertragen... Ansonsten begreife ich die Arbeit immer als Schule. Ich sitze ja hauptsächlich gemeinsam mit Regie und Kamera an der Auflösung von einzelnen Szenen, meistens über Zoom, wobei wir dann die Stelle im Drehbuch durchgehen und ich live erste Scribbles mache, in denen man Kameraeinstellung, Location, die Darsteller, Kostüme etc. erkennen kann. Das macht mir immer noch eine Menge Spaß, weil man dabei viel über verschiedene Möglichkeiten, eine Geschichte visuell zu erzählen, lernt. Und, nebenbei bemerkt, irgendwann begreift, dass Komödie viel schwieriger ist als Drama. Beim anschließenden Reinzeichnen langweile ich mich öfter mal.
15. Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei dir aus, wenn kein Drehbuch wartet und kein Kunde anruft? Gibt es feste Rituale oder entsteht dein Comic eher in produktiven Zwischenräumen?
Es gibt ein paar Bausteine, die ich immer an irgendeine Stelle in meinen Tag einsetze, aber keine festen Zeitpläne. Eine Stunde draußen auf dem Rad, eine halbe auf dem Kissen vor der Wand, mindestens eine Stunde ein Buch lesen; eine Runde Gitarre spielen, für die Familie kochen. In Schulzeiten auch mindestens eine Stunde Schlaf tagsüber, weil ich da früh mit aufstehe – da torkle ich dann wie ferngesteuert durch die erste Tageshälfte, was daran liegt, dass ich meistens und am liebsten Abends und Nachts arbeite. Zwischen 21 und 2 Uhr Nachts läuft es für mich am besten, unabhängig davon, ob ich gerade an einem Film, einem Comic oder einem Bild arbeite. Ich habe schon hundertfach versucht, das zu ändern, aber umsonst. Und zwingen lässt sich bei mir bei eigenen Projekten gar nichts – ich muss darauf warten, dass die Tür aufgeht, und dann in dem Moment bereit sein, loszulegen. Und so lange weitermachen, bis die Tür wieder zu ist, oder ich mit dem Kopf auf der Tischplatte liege. Die Filmjobs erlauben auch keine Routine oder feste Rhythmen. Sie kommen meistens kurzfristig und sind mit hohem Zeitdruck verbunden, sehr häufig arbeite ich auch übers Wochenende. Was ich nicht wirklich schlimm finde, denn wenn ich keine Familie hätte, die regelmäßige Termine hat, wüsste ich sowieso nie, welcher Wochentag gerade ist.
16. Drei Jahre Arbeit an einem Buch bedeuten Ausdauer. Was hält dich in langen Phasen bei einem Projekt, wenn äußere Resonanz noch fehlt? Disziplin, Neugier, Trotz?
Über irgendeine Art von Disziplin muss ich wohl verfügen, sonst hätte ich meine Storyboard-Jobs und auch die Jahre als Bühnen- und Kostümbildner beim Theater wahrscheinlich nicht durchgehalten. Bei diesem Projekt wusste ich ausserdem früh, dass es irgendwie aufgehen würde, und das hat geholfen, diese lange Strecke zu gehen. Oft genug ist es ja auch so, dass eine Geschichte nicht aufgehen will, obwohl man schon einen ganzen Karton mit Zeichnungen und Notizen gefüllt hat. Insofern hat also auch die Erfahrung des mehrfachen Scheiterns geholfen, die eigenen Kräfte hier richtig einzuschätzen. Und ganz ohne Resonanz bin ich nie lange unterwegs, weil ich viele meiner Ideen, sobald sie eine erste, vorzeigbare Form haben, schon früh mit meiner Frau teile, und deren erste Reaktion und Gedanken sind auch ein guter Indikator für mich, ob der eingeschlagene Weg offen ist, oder eine Sackgasse. Unterwegs habe ich dann auch begonnen, mich meinen Figuren gegenüber verpflichtet zu fühlen – die konnte ich ja nicht einfach irgendwo stehen lassen, auch wenn sie es da am Meer, wo das Café Cycliste in der ersten Reihe steht, insgesamt ganz gut haben. Natürlich war es bei diesem umfangreichen Comic und drei Jahren manchmal schwierig, den Faden nach Unterbrechungen wieder aufzunehmen, da hat nur eine gute Dokumentation geholfen, um immer schnell wieder reinzukommen. In der einzigen größeren Krise, in der ich mit dem Gedanken gespielt habe, alles hinzuwerfen (da konnte ich mich für die letzten 40 Seiten Reinzeichnen kaum mehr motivieren), hat mir ein guter Freund geholfen, der am Telefon sagte: "Mach's einfach fertig." Und ich fragte "Aber wieso"? Darauf er: "Dann ist es da, egal, was damit passiert". Das hat mich in seiner scheinbaren Banalität überzeugt, und dann habe ich das Buch fertig gemacht, und jetzt ist es da.
17. Würdest du heute wieder denselben Weg des Selbstverlags gehen auch für kommende Projekte? Denkst du inzwischen strategischer über Reichweite, Kooperationen und Sichtbarkeit nach?
Wie ich vorher erwähnt habe, hat ja alles Vor- und Nachteile, und da ich den Austausch mit anderen sehr schätze, würde ich sicher keine Zusammenarbeit mit tollen Leuten und zu erträglichen Konditionen ablehnen, denn natürlich kann man gemeinsam anders an Projekten arbeiten. Nicht zuletzt hieße das ja auch, über ein Know-How verfügen zu können, das ich einfach nicht habe. Denn wenn ich z.B. die Begriffe Reichweite, Sichtbarkeit etc. höre, regelt mein Gehirn schon direkt wieder ab.
Auf der anderen Seite müssten potentielle Partner*innen schon in der Lage sein, auch ein gutes Stück weit über Panelgrenzen hinauszudenken, oder daran glauben, dass man auch eine längere Geschichte verkaufen kann, die nicht auf Anhieb in irgendein fertiges Raster passt. Sie sollten auch daran interessiert sein, zusätzlich Leute jenseits des vorhandenen Comic-Publikums anzusprechen. Ich habe zum Beispiel regelmäßig schönes Feedback von Menschen bekommen, die bisher Berührungsängste mit Comics hatten. Oder von welchen, die sich darüber gefreut haben, dass sie für 25 Euro Lektüre für eine ganze Bahnfahrt und nicht nur für einen längeren Klogang bekommen haben. Mir ist klar, dass das eine ganze Menge ist, was ich mir da wünsche, aber solange ich das nicht finde, würde ich auf jeden Fall wieder den Weg des Selbstverlags gehen.
18. Und zuletzt persönlich: Was hat sich durch dieses Buch in deinem eigenen Alltag verändert? Nicht im öffentlichen Bild, sondern in deinem Verhältnis zu Arbeit, Tempo und vielleicht auch zu deinem eigenen Ehrgeiz?
Hm... ich denke nach ... und komme zu dem Schluss: ich weiss nicht, ob sich irgendetwas verändert hat. Auf die Gefahr hin, dass es komisch klingt, aber sei's drum, wenn Ihr bis hierher gelesen habt, haltet Ihr den Rest auch noch aus: für mich fühlt es sich so an, als gäbe es da irgendeine Kraft, die mich in eine bestimmte Richtung treibt, und das tut sie, ohne besonders viel Rücksicht auf meine Bedürfnisse zu nehmen. Ich vermute, dass diese Kraft das ist, was irgendwelche antiken Griechen den Daimon nannten. Keine Ahnung, wie meiner aussieht, vielleicht ist er ja rot und kommt aus der Unterwelt – jedenfalls sorgt er dafür, dass ich bei bestimmten Themen dran bleibe, auch wenn ich, sobald ich darüber nachdenke, keinen vernünftigen Grund dafür ausmachen kann. Manchmal habe ich nicht mal Lust auf das, was vor mir liegt, aber mache es trotzdem. In dem Moment scheint es keine Alternativen zu geben. Und wenn dann mal irgendetwas gelingt, stellt sich deshalb auch nicht wirklich das Gefühl ein,etwas geleistet zu haben. Es ist zwei Uhr früh, das Bild, der Text, das Buch ist fertig. Ich bin müde, gehe auf den Balkon, gucke kurz in die Sterne, und denke: verdammt, wo bin ich hier? Und was soll das alles? Dann lege ich mich ins Bett. Wenn ich am nächsten Tag aufstehe und auf die fertigen Seiten schaue, kommt mir das einerseits alles bekannt vor, aber andererseits ist es auch so, als würde ich das alles zum ersten Mal sehen. Oder eher: als hätte irgendjemand anders das alles gezeichnet und geschrieben; es hat nicht wirklich etwas mit mir zu tun. Deshalb, glaube ich, funktioniert das mit dem Ehrgeiz als Antrieb bei mir auch wirklich nicht so gut. Beim Zeichnen und Schreiben ist das zum Glück kein Problem; wenn man Leistungssport betreibt, ein ziemliches. Fand zumindest mein Rudertrainer in den 80ern. –
Jetzt steht "Es geht auch ohne Ehrgeiz – willkommen im Café Cycliste" von M.J. Otto bei mir im Bücherregal. Manchmal ziehe ich das Buch raus und denke, ach guck mal, das sieht ja ganz schön aus, den ICOM-Preis hat es auch gewonnen, toll – das muss ich irgendwann mal wieder lesen. Aber jetzt brauche ich erstmal einen Kaffee, ich habe ja heute erst drei oder vier Tassen getrunken, das reicht ja noch nicht mal für ordentliches Sodbrennen, richtige Magenschmerzen oder einen kleinen Schwindelanfall.
Gestellt von Sandra Nusser (ICOM) im Frühsommer 2026
